Warum ich keine Kinder haben werde. Ein Rant
Kinder. Welche zu haben, stand für mich vom Zeitpunkt meines Coming Out an nicht zur Debatte. In den letzten Jahren, mit dem schwullesbischen Babyboom, ist das Thema auch für mich in Denk-Reichweite gerutscht. Und irgendwie empfinde ich auch ganz vage einen Druck auf Frauen generell, gefälligst Kinder zu kriegen. Der war vielleicht mal - Stichwort Pille, Stichwort "Mein Bauch gehört mir", Stichwort Gebärstreik - geringer und ihm wurde von feministischer Seite mehr Widerstand entgegengesetzt.
Heute denke ich, ich werde eher keine Kinder haben. Sag niemals nie, es kann ja auch passieren, daß die (noch zu findende) Dame meines Herzens schon welche hat. Doch: ich werde mir tunlichst nicht antun, allein ein Kind großzuziehen. Als Scheidungskind weiß ich, wie allein Mütter gelassen werden, wenn der Mann mal weg ist. Ich weiß um das Klischee von der armen alleinerziehenden Mutter; auch mich wollten Lehrer lieber auf die Realschule schicken mit meinem Familienhintergrund (das Gymnasium habe ich mir mit Mutter, Großmutter und Großvater erkämpft), auch von mir war ein Lehrer überzeugt, ich könne ja gar keine guten Leistungen bringen, ich sei ja aus einer asozialen Familie. Auch meiner Mutter wurde (von einem Schulrektor) gesagt: "Könnse kochen? Dann finden Sie auch wieder einen!" - daß sie nie wieder heiraten wollte, das war solchen Menschen vollkommen unbegreiflich. Es hat seelische Narben bei mir hinterlassen, so aufzuwachsen. Weniger durch das Faktum, daß meine Eltern sich getrennt haben, sondern das Wie, das schon Jahre vor der Trennung anfing. Weniger der Zustand, daß meine Mutter alleinerziehend war, als daß ich sie oft überfordert erlebt habe und mich als ältestes von drei Kindern mit verantwortlich dafür fühlte, daß der "Laden" namens Familienalltagsorganisation wenigstens mit Ach und Krach lief. Weniger, daß meine Eltern sich getrennt haben, als daß ich mich von meinem Vater verlassen, im Stich gelassen fühle.Bei aller Liebe: Wenn ich sehe, wie schmählich Alleinerziehende (meist sind es eben doch die Mütter) allein gelassen werden, dann will ich das um keinen Preis durchmachen. Meine Mutter hat sich für meine beiden Geschwister und mich drei Beine ausgerissen und alles Menschenmögliche getan, und dank dem sind wir heute alle drei gebildete und selbständige Menschen. Aber es hat sie viel gekostet: einen Preis, den ich nicht zahlen möchte. Auch ökonomisch nicht, da war es lange genug ziemlich eng. Mein Taschengeld war bis zu meinem Wegzug von zuhause lächerlich, und eingekleidet wurde ich aus der Boutique, die meine Großmutter damals noch führte.
Ich würde einem Kind nicht zumuten wollen, mit einer derart überforderten Mutter aufzuwachsen. Als Lesbe bin ich in der glücklichen Lage, daß ich mich für ein eigenes leibliches Kind aktiv bemühen müßte. Es "passiert" mir nicht einfach so, oder würde es nur über Zufälle, für die man einen Drehbuchautor an die Wand stellen würde. Und wenn überhaupt, dann würde ich Familie eben nur wollen, wenn ich ein verläßliches, stabiles Umfeld habe, mehrere erwachsene Personen, die die Arbeit mit machen und/oder Einkommen mitbringen. Bin ich herzlos, wenn ich klipp und klar Bedingungen stelle, unter denen Familie vielleicht für mich in Frage käme? Bin ich herzlos, wenn ich sage, daß ich meine viel zu spät angefangene, mühsam in Schwung kommende
Karriere erst einmal aufbauen will (nach einem elends langen und mühseligen Studium)? Daß jetzt erst mal ich komme, _meine_ Bedürfnisse, die zu mißachten mir (obwohl ich allein gelebt habe) viel zu lange zweite Natur war? In der Zwischenzeit wünsche ich mir, daß FeministInnen über dem Thema "wie organisieren wir die Familienarbeit" anderes nicht aus dem Blickfeld verlieren. Da gäbe es so viel zu tun, und doch werden Frauen immer noch so sehr über Kinder und Familie definiert. Unhaltbarer Zustand!